Der Wal wurde gerettet – Das Wichtigste in Kürze:
- Wale und Fische sind beides Lebewesen mit nachweislich komplexen Gefühlen und sozialem Verhalten
- Wissenschaftliche Studien belegen, dass auch Fische Schmerz empfinden und soziale Bindungen eingehen
- Unsere Empathie für Tiere ist selektiv und wird durch Sichtbarkeit, Narrativ und Gewohnheit gesteuert
- Der Rote Main fließt direkt durch Bayreuth – Fische leben also wortwörtlich vor unserer Haustür
- Dieser Beitrag ist Aufklärung, kein Angriff
Irgendwo strandet ein Wal. Innerhalb von Stunden ist das Video überall. Menschen waten ins Wasser, schleppen Eimer, schieben, rufen, hoffen. Millionen schauen zu, viele sind sichtlich bewegt. Und wenn es gut geht, wenn der Wal gerettet wurde und wieder ins offene Meer schwimmt, gibt es Jubel, Erleichterung, Freude ohne Ende.
Einen Tag später, vielleicht auch am selben Abend, steht derselbe Mensch an der Theke und bestellt eine Fischsemmel. Oder die Forelle vom Grill. Ganz selbstverständlich, ganz ohne darüber nachzudenken. Und genau da steckt eine Frage drin, die sich lohnt, einmal wirklich zu stellen.
Inhaltsverzeichnis zu „Der Wal wurde gerettet“
Was wissen wir über Wale?
Wale faszinieren uns. Das hat gute Gründe. Sie sind riesig, majestätisch, und je mehr Forscher über sie herausfinden, desto beeindruckender wird das Bild. Bei Walen sind kognitive Leistungen wie Selbstbewusstsein, Aufmerksamkeit, räumliche und zeitliche Orientierung sowie abstrakteres Denken am ausgeprägtesten unter allen Säugetieren. (PETA) Sie kommunizieren über weite Entfernungen, haben individuelle Persönlichkeiten und leben in komplexen sozialen Verbänden, in denen Wissen über Generationen weitergegeben wird.
Besonders das Trauerverhalten von Walen hat in den letzten Jahren für Aufsehen gesorgt. Wenn ein Artgenosse verstorben ist, berühren manche Wale das tote Tier vorsichtig mit den Flossen, schmiegen sich an und tragen es mit sich, teilweise bringen sie es sogar an die Wasseroberfläche. Orcas und Pottwale gehören zu den sechs Walarten, bei denen diese Zeichen von Trauer beobachtet werden konnten. Wer solche Berichte liest, versteht sofort, warum Menschen alles stehen und liegen lassen, wenn irgendwo der Wal gerettet wurde und die Nachricht die Runde macht. Die emotionale Verbindung ist real, und sie basiert auf echten Fakten über das Gefühlsleben dieser Tiere.
Was wissen wir über Fische?
Hier beginnt der Widerspruch. Denn was die Forschung über Fische weiß, passt nicht zu dem Bild, das die meisten von uns im Kopf haben. Fische gelten als kalt, stumm, reaktionslos. Als Tiere, die schwimmen, fressen und keine Gefühle kennen. Dieses Bild ist überholt.
Der Irrglaube, dass Fische keine Angst und Schmerzen empfinden würden, hielt sich relativ lange. Doch mittlerweile zeigen Studien und Videos, dass Fische enge Freundschaften schließen, Artgenossen in Not helfen, auch wenn sie dabei selbst in Gefahr sind, sich bei der gemeinsamen Jagd mittels Körpersprache absprechen, teils wochenlang neben ihrem Gelege sitzen, um ihren Nachwuchs zu schützen, und Jungtiere bei Gefahr in den Mund nehmen. Das klingt nicht nach einem gefühllosen Tier. Das klingt nach einem Lebewesen, das sich um andere kümmert, das schützt, das reagiert.
Alle Wirbeltiere, also Säugetiere, Reptilien, Amphibien sowie auch Vögel und Fische, sind gleichermaßen dazu fähig, Einfühlsamkeit zu zeigen und soziale Beziehungen aufzubauen. (Tiko) Fische haben ein Nervensystem. Sie empfinden Schmerz. Das ist wissenschaftlicher Konsens, auch wenn es sich im Alltag noch nicht niedergeschlagen hat. Während also in den Schlagzeilen steht, dass der Wal wurde gerettet, werden gleichzeitig täglich Milliarden Fische gefangen, ohne dass irgendjemand darüber nachdenkt, was diese Tiere dabei empfinden.
Warum fühlen wir mit manchen Tieren mehr als mit anderen?
Empathie ist selektiv und deshalb als moralische Einstellung problematisch. Auch in Bezug auf Tiere, denn sie ermöglicht eine Scheidung zwischen sympathischen Tieren und nicht sympathischen Tieren. (Goethe-Institut) Der Wal hat ein virales Video, eine Geschichte, manchmal sogar einen Namen. Er taucht auf, er kämpft, er wird gerettet oder nicht. Wir sind dabei, emotional und in Echtzeit. Der Fisch taucht erst auf unserem Teller auf. Was davor passiert ist, bleibt unsichtbar. Und was wir nicht sehen, müssen wir nicht verarbeiten.
Das ist kein moralisches Versagen. Es ist eine psychologische Tatsache. Unser Mitgefühl folgt unserer Wahrnehmung, und unsere Wahrnehmung folgt dem, was uns gezeigt wird. Sobald wir Tiere in eine Funktionskategorie fassen, entfernen wir uns von ihnen. Sie werden Mittel zu Zwecken, sind keine eigenständigen Wesen mehr. Das Tier im Meer hat einen Moment, hat Zuschauer, hat eine Geschichte. Das Tier auf dem Teller hat einen Namen auf der Speisekarte. Genau deshalb teilen wir Videos, wenn der Wal gerettet wurde, und machen uns keine Gedanken über die Forelle daneben.
Von klein auf so gelernt
Psychologen nennen das das Fleisch-Paradox. Wir empfinden Mitgefühl, wenn wir leidende Tiere sehen. Aber die wenigsten von uns haben jemals wirklich entschieden, dass sie Fisch essen wollen. Es war einfach immer so. Fischstäbchen als Kind, Forelle beim Grillen, Fischsemmel am Kiosk. Niemand hat uns gefragt, ob wir das wollen. Es war da, es war normal, und was normal ist, hinterfragt man nicht.
Wer einen Hund liebt wie ein Familienmitglied und trotzdem Fisch isst, lebt in einem echten Widerspruch. Nicht weil er ein schlechter Mensch ist, sondern weil ihm beigebracht wurde, zwischen Tieren zu unterscheiden, die es wert sind, geliebt zu werden, und Tieren, die es wert sind, gegessen zu werden. Dieselbe Person, die bewegt zuschaut, wenn der Wal gerettet wurde, greift am nächsten Tag gedankenlos zur Fischtheke. Diese Trennung wurde von klein auf trainiert, ohne dass wir sie je bewusst hinterfragt haben. Und genau das ist das Problem.
Nemo, Flipper und die freundliche Fischsemmel
Als Kind haben die meisten von uns Nemo geliebt. Den kleinen Clownfisch, der seinen Vater sucht, der Freundschaften schließt, der Angst hat und Mut beweist. Kein Kind, das Nemo schaut, würde auf die Idee kommen, ihn zu essen. Das wäre undenkbar. Nemo hat ein Gesicht, eine Geschichte, einen Namen.
Und dann wächst man auf. Und irgendwann liegt ein Fischfilet auf dem Teller, ohne Gesicht, ohne Geschichte, ohne Namen. Sauber verpackt, appetitlich angerichtet, mit einem freundlichen Bild auf der Verpackung. Die Verbindung zwischen dem Tier im Meer und dem Produkt auf dem Teller wurde sorgfältig getrennt. Nicht zufällig, sondern systematisch. Schlachthöfe liegen außerhalb der Städte. Fischfabriken sind nicht öffentlich. Wie es wirklich aussieht, wenn Millionen Fische in Netzen zappeln oder auf Fischfarmen ihr Leben verbringen, soll möglichst nicht gezeigt werden. Was man nicht sieht, stört nicht. Was nicht stört, hinterfragt man nicht.
Nemo war real genug, um geliebt zu werden. Die Frage ist, warum der Fisch auf dem Teller es nicht mehr ist.
Der Rote Main fließt durch Bayreuth
Direkt hier, am Roten Main, der durch die Wilhelminenaue und den Hofgarten fließt, leben Fische, die laut aktueller Forschung Schmerz empfinden, soziale Bindungen eingehen und ihren Nachwuchs schützen. In Oberfranken hat das Angeln eine lange Tradition, rund 11.500 organisierte Angler sind allein im Bezirksfischereiverband Oberfranken Mitglied. Und gleichzeitig teilen dieselben Menschen das nächste Video, in dem der Wal gerettet wurde, und sind sichtlich bewegt. Das ist kein Zufall und kein Einzelfall. Es ist das Ergebnis einer Gesellschaft, die Tieren je nach Kontext völlig unterschiedliche Werte zuschreibt. Der Wal im Meer ist schützenswert. Der Fisch im Fluss ist Freizeitbeschäftigung. Dabei fühlen beide.

Was bedeutet das alles?
Dieser Artikel will aufklären. Die Forschung ist eindeutig: Fische empfinden Schmerz, gehen soziale Bindungen ein und schützen ihren Nachwuchs. Das sind keine Vermutungen, das sind wissenschaftlich belegte Fakten. Und gleichzeitig werden jedes Jahr Billionen von Fischen gefangen, oft unter Bedingungen, die niemand sehen möchte. Nicht weil wir böse Menschen sind. Sondern weil wir es nie wirklich hinterfragt haben.
Es lohnt sich, das eigene Handeln öfter zu hinterfragen. Was essen wir, warum essen wir es, und was wissen wir eigentlich über die Tiere, die dabei eine Rolle spielen? Wenn die nächste Meldung kommt, dass der Wal wurde gerettet und das Video durch den Feed scrollt, ist das eine gute Gelegenheit, auch kurz an die Tiere zu denken, die keine Schlagzeile bekommen. Nachdenken schadet selten.
FAQ: Häufige Fragen zum Thema „Der Wal wurde gerettet“
Empfinden Fische wirklich Schmerz? Ja, das ist wissenschaftlich belegt. Fische haben ein Nervensystem und Schmerzrezeptoren. Aktuelle Forschung zeigt, dass sie auf schmerzhafte Reize reagieren und Verhalten zeigen, das auf das Erleben von Schmerz hindeutet.
Sind Wale intelligenter als Fische? Wale zeigen ausgeprägtere kognitive Leistungen als Fische, aber das bedeutet nicht, dass Fische keine Gefühle haben. Auch Fische zeigen soziales Verhalten, helfen Artgenossen und schützen ihren Nachwuchs.
Warum fühlen wir mehr mit Walen als mit Fischen? Vor allem wegen der Sichtbarkeit und des Narrativs. Wenn der Wal gestrandet ist und gerettet wird, sehen wir das in emotionalen Videos. Fische erleben wir hauptsächlich als Lebensmittel, ihr Leben davor bleibt unsichtbar.
Muss ich jetzt aufhören, Fisch zu essen? Was wir essen, ist eine persönliche Entscheidung. Wen wir essen, ist eine andere Frage. Die Forschung zeigt klar, dass Fische fühlen und Schmerz empfinden. Was jeder Einzelne daraus macht, liegt bei ihm. Aber informiert entscheiden ist besser als gar nicht nachdenken.
Fazit zu „Der Wal wurde gerettet“
Irgendwo auf der Welt wird wieder der gerettet Wal als Schlagzeile durch das Internet gehen. Millionen werden jubeln, teilen, bewegt sein. Und gleichzeitig wird irgendwo eine Fischsemmel gegessen, gedankenlos und selbstverständlich. Beides passiert, beides ist real, und beides hängt mit derselben Frage zusammen: Für wen empfinden wir Mitgefühl, und warum eigentlich? Die Antwort liegt nicht in der Biologie, denn Fische fühlen genauso wie Wale. Sie liegt in dem, was wir sehen dürfen, was wir gezeigt bekommen und was wir nie hinterfragt haben. Es ist nie zu spät, damit anzufangen.
Wer sich weiter mit dem Thema Tiere und unserem Umgang mit ihnen beschäftigen möchte, findet bei uns noch weitere Beiträge dazu. Der Wal wurde gerettet – aber das ist nur eine von vielen Fragen, die wir uns stellen sollten. Was in Zoos wirklich passiert, beleuchten wir in unserem Beitrag über das Töten im Zoo. Dass Tiere auch im Alltag oft unsichtbar leiden, zeigt unser Artikel über die Stadttauben in Bayreuth. Und was du tun kannst, wenn du ein Tier in einer akuten Notsituation entdeckst, erfährst du in unserem Beitrag zu Tieren bei Hitze im Auto.



